Ilse Hehn

Irrlichter

 

 

Die Stunde wächst – Mauern bekommen

darin Platz – wird groß, ein Fremdartiges,

man spürt die Kälte in ihrem Kopf

 

Nach einem halbfertigen Tag male ich ein Bild,

die Farben rollen wie Steine im Gegenverkehr

über Häuser, Rangierbahnhöfe, den Bodenfrost

 

durch Nase und Mund rinnt ihnen

eine Verzweiflung, die sich

nicht so nennen darf

 

Farbzeichen in

ungeschriebener Richtung,

von Irrlichtern gejagt.

 

Unter den Dächern

belauscht uns Gott, der Große Vater.

Eine niedrige bleierne Linie der Horizont

irrlichter

I. Hehn, Fotocollage mit Überschreibung

 

*  *  *

abseits

 

 

 

 

 

 

 

 

Ilse Hehn

Sag mal, hält man mich dort unten immer noch für tot? *

(An Nietzsches Grab / Röcken, Oktober 2016)

 

 

Die Stunde wechselt von einem Fuß auf den anderen

berührt kaum die Hüte der Bäume

an der Kirchenmauer das Grab - eine leere Vase

wenn das Dunkel sich entzündet und

atmet im engen Kahn

in die Brunnen von Röcken fällt Herbst

es regnet in Häuser mit

Wasser wie das Fell eines Hasen

der Himmel ein Grabstein

er wartet auf den Zug

der kommt am Arm eines zerbrochenen Gleises

an diesen Ort ohne Bahnhof

Lou löst sich von den Kleidern der Reisenden

diesen schwankenden Gardinen aus Asche

sagt vor dem Grab

hier ist er nicht mehr lass uns gehen Paul Rée

mit stumpfen Fingern färbt der Tag seinen Teint

in Farben fehlenden Schnees

 

Poeten streuen Papier eine kurze Oktoberzeile

auf die graue Porphyrplatte

in ihren Köpfen der Schatten der Worte

die schon längst gesagt waren als er sich aus der

Umklammerung der Schwester löste und davonmachte

an ein Ufer ohne Kreuze

von wo er zu den Berggipfeln gehen kann

die einzigen vielleicht mit denen er reden möchte

 

Die Krähen schrein

und ziehen schwirren Flugs zur Stadt

in Manteltaschen klimpert der Duft von Geld

ran an die Braunkohle ihr Bagger **

ran an den längst ausgeweideten Bauch der Erde!

 

Abseits steht jemand ohne zu frösteln

hinter der Deckung Nacktheit***

Dionysos Caesar Narr ****

dem Rauche gleich

der stets nach kältern Himmeln sucht

 

 

*Erik Satie
**Nietzsches Grabmal war beinahe der Auflösung geweiht: Der Gemeinde Röcken drohte 2997 ein Braunkohleabbau, wobei die Gebeine **Nietzsches Grabmal war beinahe der Auflösung geweiht: Der Gemeinde Röcken drohte 2997 ein Braunkohleabbau, wobei die Gebeine Friedrich Nietzsches umgebettet werden sollte. Unterdessen wurde der Plan ad acta gelegt
***Anlehnung an das Nietzsche-Denkmal, die Skulpturengruppe von K. F. Messerschmidt in Röcken
****Namen, die sich Nietzsche in seinen Wahnzetteln gab
In kursiv: Original Nietzsche

*  *  *

 

Ilse Hehn

Am Rande von Kairo

(Ägypten 2010)

 

 

Was nicht fragt sind Bilder in den

Farben Ägyptens Finger abflammender

Bäume Frachtensegler im Strom was du

denkst ist zerkratzte Traumschlacke im

Gelächter der Sprache sie reißt

Menschenschatten nicht auf nicht

Mechanismen Tabellen Umsätze Verträge

während ich notiere wo ich bin

1. Februar 2010 zerfällt in Dinge die

Stunde sandig rauen Flugsand

Aufleuchten inmitten

von Staub

 

Sonne lässt Fetzen fliegen am

Kehlkopf angetrocknet meine Zunge der

Tag verkauft was ihm nicht gehört

zieh Leine Poesie

Handschrift I. H.
 

*  *  *

Handschrift I. H.

Ilse Hehn

Sonnengott Rê / Theben-West

(Ägypten 2010)

 

 

Wiegtest dich Gott in Sicherheit

nährtest die Barke Himmel

in deinem Widerschein der Schädel des

Menschen

Windbeutel Sandtier

man fraß dir aus der Hand

 

getilgt durch Schatten Zeit

nur dein Name blieb ungelenk aufrecht

blutleeres Zeichen ohne

Scheu berührt inmitten der heutigen Sonne

Bilder sich zurücklehnend im Stein

gegen Tageslicht betrachtet die

erstarrten Farben Braun Ocker Blau

während Bloßstellung sie einschneit wie

gequälte Zungen

 

mit einer Tageszeitung unterm Arm der

Mann neben mir bewaffnete

Soldaten ihre Abtastblicke

Redensarten aufgeteilt in Hirnhälften

flirrende Luft

Müdigkeit aufgeschminkt im Schatten

Touristenbusse

ein Stück Wüste glänzt irgendwo

als wär’s ein Schluck Wasser

*  *  *

Ilse Hehn

Fahrt nach Abu Simbel/
späte Romantik

(Ägypten 2010)

 

 

Die Sonne über uns hergeschleppt nach

Abu Simbel mit dabei bewaffnetes Geleit

 

der Tod ist eine Möglichkeit ein

Touristenbus in einem Wüstenfilm

was sprengt durch vereiste Knochen

verchromte Haut durch die Vorstellung Leben

was krankt an diesem Samstag

der nicht mehr in die Woche passt

sowieso und Türen bleiben zu was zerrt

an verfranzten Herzmuskeln quietschende

Reifen fahren tief in den Körper

Atemnot & Angst am Rand der schaukelnden

Wüste mit dauernder Verneinung

 

also so könnte es sein

eine Explosion ein Schuss ein

Comic ohne Fortsetzung und Fußnoten

Handschrift I. H.
 

*  *  *

Handschrift I. H.

Ilse Hehn

Nekropole von Beni Hassan

(Ägypten 2010)

 

 

Maserungen des Lebens in

Ideogrammen festgehalten präzise gemeißelt

gemalt damals vor 4.000 Jahren

Stilisierung von Sinn von Welt Fragmente

gegen den Tod in hohen

Felsengräbern ihre Buntheit eine mit

Hoffnung bekleidete Leiche ein Mumientanz

Ka – geheimer Staunender

tritt aus der Bilderlandschaft sucht letzte Überfahrt

 

der Traum der mit der Sonne

aufsteigt zu neuem Leben – ein leeres

Viereck Licht

 

zurück in Minia

Häuser drängen zusammen zwängen

sich in die Wüstenoase gleich Finger in

einen zu engen Handschuh

jetzt sehe und rieche ich

Gewürze Currysorten Pyramiden aus

rotem orangenfarbenem und gelbem Staub

jetzt ist der Tag ein Helm aus Sand ein

Schluck Tee Sonnenbrille Lippenstift

eine Trockenfrucht Tinte die

auf Papierfetzen bezeugt wie

namenlos wir kodifiziert

*  *  *

Ilse Hehn

Saqqara/Grabstätte des Kagemni

(Ägypten 2010)

 

 

Dunkelheit zieht Raum fühlt sich an wie

farblose Luft

Stille belauert das

Flechtwerk gemeißelter Linien

Leben in

Überschreitung der Schwelle

 

für Minuten

das Innere der Mastaba atmet

den Code im Stein berührt

wo Sand nicht rostet

Gedächtnis

Tote in ihrem Tod wie meine Wunden im

Schlaf

 

abends Großstadtnacht crazy Kairo

verzerrtes Kalkül morgen im

Schnittmusterbogen Mittwoch

Handschrift I. H.
 

*  *  *

Handschrift I. H.

Ilse Hehn

Florenz I./Jenseits des Arno

(August 2007)

 

„Die Glorie dessen, der mit seinem Finger

Bewegung schafft, durchdringt das All und gleißt

An einer Stelle mehr und sonst geringer.“

                    Dante, Paradies, I. Gesang. 1-4

 

Oltrarno

                                         gegen 15 Uhr riechst du die

Hitze des Tages der Arno kippt

seine Spucke über den Rand fasst Fuß am Ufer hier

schmeckt es nach Katzenpisse glühender

Luft in die Ecke getrieben platzt Romantik an

Wänden des Borgo San Jacopo Besenginster kehrt

unter Brücken Geschichte 1944 gesprengt danach neu

errichtet in alter Form nur Ponte Vecchio – eine

Mundhöhle randvoll mit Gold ohne Antwort unter der Zunge

Costa di San Giorgio rollt zur Festung Belvedere die

scheint zu brennen eine

                                        TV-Szene wird eben gedreht mit

jungen Männern bauchtief im Rapp Geruch von

Sand vertrocknetem Gras Papiertüten scharren im Kies mein

Blick an einer Plastik vorbei Frauenakt schöntoter

Stein geht über die Fototapete der Stadt das

dürstende Weichbild umliegender

Hügel der Himmel darüber mit fiependem Atem ich

                                        wechsle den Kamerawinkel

 

die Sonne bläst ihre letzten Funken fährt

dem Tag durch den Rachen Tod zieht sich zurück ins

Halbdunkel von San Miniato von Santa Felìcita von

Altartafeln und Fresken kriecht das Grisaille dir durchs

Aug hinter die Stirn

                                        dann geht das Licht

 

                             Abend ein grauer Baum lehnt

an Stille in Kirchen zerkrümmeln gottäugige Bilder irgend-

jemand erinnert klebt zink-silberne Blätter in seinen Dante

*  *  *

Ilse Hehn

Florenz II.

(August 2007)

 

 

den Zünder suchen unter der Haut

zu verstehen das Erinnerte Hölle Fegefeuer Paradies

unter Dantes verzinktem Lorbeer

 

längst hat die Stadt uns vergessen

undeutlicher Rest wir grauer Belag

flache kleine Wellen über staubigem Stein Touristen

Akrobaten auf der Piazza della Repùbblica zu ihren

Füßen das Stundenglas aus Jetzt und Sofort Münzen darin

Taschenhändler am Rand der Szene Algerier vielleicht versprüht

vom Leben durch den Abend wie Fledermäuse werden

sie huschen ihre Angst anwachsende Spirale

um uns verkrusteter Glanz Domfassade daneben Giottos

Campanile angepflockt in der Hitze Kühle der Schläfe – das

                      Baptisterium weißgrüne Hirnströme Geometrie

vor dem Palazzo Vecchio Kopien nackte

Sieger Bühnendekoration Hochzeitsgäste ausgeblichen unweit

lümmelt Ponte Vecchio auf Sommer poliert darunter

                      Arno im Schlamm das Gesicht nach unten

 

kaum vernehmbar die Funksignale der Farben in Kirchen

den Uffizien Bilder panzerverglast von Checkpoints bewacht

Dantes Haus schattengestreift Piazza Santa Maria Novella

entzündet durch Licht im Bahnhofsrevier Postkartenverkäufer

Nutten einige Bäume Tristesse des Ortes

 

nach 23 Uhr fällt der Abend in sich zusammen

über uns das Gesicht der Stadt abgeschminkter Himmel aus

ihrer Mundhöhle linst wir erreichen

Piazza Santa Elisabetta Hotel Brunelleschi steigen in den

byzantinischen Turm hohlen Kolben aus Stein sechstes

Jahrhundert Nacht schneit uns ein

                      traumverstümmelt ganz von dieser Welt

 

Es ist nicht der Tod der uns schreckt

Handschrift I. H.
 

*  *  *

Ilse Hehn

Florenz III.

(August 2009)

 

unser Fernsein miteinander am Rand möglicher
Wälder mit Adern durchzogen wie Blätter
löwenköpfig die Stadt ein Sarg aus piatra dura

                              Liebende aus echtem
Marmor ohne die Gnade der Wärme
des Bettlers abgewetztes Fell
an den Brüchen spielt das Licht
                                 mit verirrten Hautflüglern

für einige Stunden schlägt die Sonne Rad
kocht Gelb über unseren Lungen versiegelt
mit Kupfer die Risse
du meidest schmale Gehsteige dein
leises Schnaufen in der Hitze ein viel zu
großes Tier im Asphalt das
                     Aug eine Baumöffnung
                                             atmet nervös

der Arno führt Holz
                               Regenzeichen
ein brauner Wasserfaden - verdunkelter Schutz
Einsamkeit von Monaden

 

*  *  *

Ilse Hehn

Hey Liebe

 

 

Das kleine, grausame Tier

Als würde es beten, als würde es fluchen

 

Ich untersuche das Fossil

so schäbig, so scheinheilig

die alte schlampige Mythe

keine Erinnerung an Umarmung und mehr

 

Hey Liebe - ich hab noch

eine Rechnung offen!

Handschrift I. H.

Foto der Autorin, mit Überschreibung, 30x42cm

 

*  *  *

Handschrift I. H.

Foto der Autorin, mit Überschreibung, 30x42cm

Ilse Hehn

Norwegische Skizze

 

 

Allgegenwärtig der Stein,

einem gewaltigen

Ungeheuer gleich, schmatzend,

speichelnd, aus Milliarden

Spalten, Rissen, Schluchten,

treibt er Wasser aus,

tief geritzt in seine Haut der

eiskalte Schliff der Zeit.

Am Himmel die Drohung von Schnee.

Fließend und weitschweifig

verlaufen Erinnerungsströme.

Der Fjord unter mir - eine

Falltür zur Ewigkeit.

*  *  *

Ilse Hehn

Nomaden wir

 

 

Im Raum der Nachtweite

suchst du die Nachrichten ab

nach Spuren des Tages,

nach zornigen Farben,

den überlebenswichtigen, kratzigen Decken.

Handschrift I. H.

Foto der Autorin, mit Überschreibung, 30x42cm

 

*  *  *

Fotocollage I. H.

Fotocollage I. H.

lse Hehn

Die Heimat - die Zunge

 

 

Heimat - gerettete Zunge*...

 

ach, du lieber Augustin - die Kunst, am Rande

des Nichts zu leben, als sei alles in Ordnung.

 

Monstranzäugig ein Zimborium - nenn es

Muttersprache, Beinhaus, Fahnenstange,

auch Marktplatz oder Rettungsboot,

 

nenn es Gelächter, wo großäugige Wörter rollen,

nenn es Ort jenseits der Wand.

 

Der Tag süffelt maisgelbes Licht

verschmilzt mit dem Asphalt, mit der listigen

Hintertür der Zeitung "Adevarul"*

 

und über demokratischen Schlamm schiebt

sich langsam das Roma-Gold:

Paradiesäpfel mit leichtem Gewicht.

 

Der Versuch, auf Füchsen zu reiten.

 

Nichts mehr geht bis aufs Blut,

die Pferde sind tot, es lebe der Gaucho,

die Pampa verloren an den Westen.

 

ein schwachbrüstiger Server die Zunge,

Leviathan aus Blech.

 

 

*Elias Canetti: "Die Gerettete Zunge: Geschichte einer Jugend"
*"Die Wahrheit", rumänische Tageszeitung

 

*  *  *

Ilse Hehn

Tafelbild

 

 

alle Gegenstände zeigen zur Erde

die Stadt liegt da

ein gestürztes Klavier ohne Tastatur monoton

balkangelbe Hitze als gläserner Geier über dem Park

Sonne gebläht und rund

ein Tropfen vor dem Fall

 

die Piaristenkirche rollt ihre Flügel ein

Gottes Energie zusammengekauert – Hieroglyphe

gemalt in den Schatten einer Kirchenbank

 

Welch Sackgasse dieser Mittag!

 

Die Spatzen: hüpfende Flugblätter im Staub

mein Auge ein tiefes Rohr

eine Libellenlarve darin

Überschreibung I. H.

I. Hehn: "Selbst". Fotografie mit Überschreibung

*  *  *

Montage I. H.

I. Hehn: „Interferenzen“, Montage, unter Verwendung von Buchseiten anno 1738 und Baumrinden

Ilse Hehn

Amnesie der Schrift

Interferenzen

 

 

Zärtliche Schreibschrift, Schrift des Verschwindens.

 

Über ihre Milde legt sich heute

Überwachung, Kontrolle, Bildschirm,

Buch gibt sich online, gibt sich süßem Handel hin im

Kartenzimmer digitaler Freaks, Buch wird E-Book.

 

Doch nicht vergessen unsere papiernen Geheimgärten,

unsere heimlichen Liebschaften, unsere nächtlichen Freunde,

Leben, das keimt in den Tiefen der Zeilen,

das entspringt den Arabesken gezeichneter Buchstaben.

 

Schrift – Geburtsort, Dorf meiner Sprache.

Erinnerungen an das Dorf, an die sprechenden Hüllen,

an all die verborgenen Winkel, verloren im

Treibsand der Tastatur.

*  *  *

Ilse Hehn

Aus der Vertäuung

Palimpsest

 

 

Nebel über Klang von Wolken

das Stimmenregister letzter Farben

 

zeichnet Denkfiguren in die Luft verlischt

Nachhall von Schrift

 

Dieser Eindruck man hätte Zeit

eine Spur hinter sich

Überschreibung I. H.

I. Hehn: "Palimpsest". Malerei mit Überschreibung


© Copyright 2010 by Ilse Hehn